Montag, 31. August 2020

Der Retro-Ausweis

Jetzt habe ich ihn, den Ausweis, um den man schwer kämpfen muss! Er erinnert mich stark an meinen Schülerausweis aus den Siebziger-Jahren mit dem Foto, das mit Heftklammern befestigt ist. Ich hätte mir das gute Stück sogar selber schnitzen können. Na gut, im Fälschen von Stempeln und Unterschriften bin ich nicht ganz so versiert, aber mit etwas Talent und Übung bekommt man das hin. 



Aber alles von Anfang an. Vor einigen Jahren, als ich mein Haus in Griechenland bezog, sollte ich mich aus irgendwelchen bürokratischen Gründen dort unter meiner Adresse melden. Also ging ich zur Polizei und wollte dies tun. Der Zuständige nannte mich aber nur verrückt. Es war zu Beginn der griechischen Finanzkrise. Warum ich in einem Land wohnhaft sein wolle, wo doch jeder vernünftige Grieche von dort auswandern wolle? Außerdem müßte er erst nachschauen, was dafür alles benötigt werde. Ich solle ein anderes Mal wieder kommen. Es stellte sich dann allerdings heraus, dass ich nirgendwo vorweisen musste, dass ich in Griechenland gemeldet bin, und somit ließ ich die Sache auf sich beruhen.


Nun aber in Corona-Zeiten, wo die Grenzen auch schon mal gesperrt waren, wollte ich doch sicher gehen, dass ich jederzeit wieder nach Griechenland zurück kann, wenn ich im Ausland bin. So machte ich den zweiten Anlauf in dieser Sache.
Ich erkundigte mich bei Leuten, die das Ding schon hatten und erfuhr von meiner Nachbarin, dass der Ausweis angeblich Blue Card heißt. Als ich ihn mir dann aber ansah, war er gelb. Vielleicht ging ja dem Staat das blaue Papier aus und deshalb ist der Ausweis jetzt gelb? Weiters ermittelte ich von Freunden, welche Dokumente für den Ausweis erforderlich sind. Die bereitete ich alle vor und marschierte damit zur Polizei. Dort hieß es, der zuständige Beamte käme in zwanzig Minuten. Zwanzig Minuten können in Griechenland schnell einmal zu ein paar Stunden ausarten. Aber siehe da, er war tatsächlich nach zwanzig Minuten im Büro! Ich erklärte ihm in meinem schlechten Griechisch, was ich wollte und präsentierte ihm auch gleich meine Dokumente. Die schaute er gar nicht an und ließ stattdessen einen Redeschwall auf mich los. Am Ende fragte er „Hast du verstanden?“, was der einzige Satz war, den ich tatsächlich verstanden hatte. Ich sagte Ochi, nein. Somit war die Audienz schon wieder beendet. Ich solle doch mit jemanden wiederkommen, der übersetzen kann. Auf meine Einwände in Griechisch, dass ich ja schon alles mithabe, was benötigt wird, antwortete er nur stur „Sorry, no English“.


Wo nehme ich jetzt auf die Schnelle jemanden her, der den Übersetzer spielt? Da fiel mir ein, dass eine Freundin genau an diesem Tag um diese Uhrzeit immer im Kaffeehaus ums Eck von der Polizei sitzt. Ich lief hin und da war sie! Noch schnell den Kaffee ausgetrunken, und ich schleppte sie schon mit aufs Amt. Bürgerfreundlich, wie man ist in Griechenland, muss man steile Stufen ohne Handlauf hinauf in den zweiten Stock. Beschwerlich für meine schon etwas ältere Freundin, aber schlussendich kamen wir oben an im Kammerl unter dem Dach.


Dann begann die peinliche Befragung. Warum will ich diesen Ausweis? Weil ich mir in Griechenland ein Auto kaufen will (was nur mit dieser Bescheinigung möglich ist), sagte ich, weil das die einfachste Begründung ist. Das wurde akzeptiert. Dann noch alle möglichen weiteren Fragen wie das übliche „Name des Vaters, Name der Mutter“, dazu „Sind die Eltern noch zusammen und führen sie eine ordentliche Ehe?“ Was??? Welche Religion habe ich? Oder etwa keine? Zahle ich meine Steuern immer pünktlich? Und so weiter.
Dann wurden meine Dokumente kontrolliert. Mein Personalausweis (gültig in allen EU-Staaten) wurde kritisch beäugt und abgewiesen, dann lieber doch den Pass. Der war dem Herrn genehm, ebenso die e-card. Meine Stromrechnung zum Beweis, dass ich tatsächlich in Griechenland wohne, wurde anstandslos akzeptiert. Mein Nachweis, dass ich ein griechisches Bankkonto habe und auch mindestens € 5.000 drauf sind, war aber ein Problem. Ich hatte nämlich einen Kontoauszug ausgedruckt. Dieser mußte vom selben Tag sein. Ich zeigte ihm das Datum des Ausdrucks. Woher ich dieses komische Papier denn habe? Was, vom Internet Banking? Nein, das geht nicht! Er schickte mich auf die Bank. Dort mußte ein Papier mit derselben Info verfaßt werden, aber mit Stempel und Unterschrift. Na gut, dann also nachher auf die Bank!
Zu guter Letzt forderte er meine griechische Steuererklärung ein. Die hatte ich nicht, denn der Freund, den ich befragt hatte, hatte vergessen, mir diese zu nennen. Die sollte ich also auch noch von der Steuerberaterin holen.
Ich musste dem Polizeibeamten versprechen, am nächsten Tag gleich in der Früh mit den fehlenden Dokumenten wieder zu kommen, dann würde er mir den Ausweis ausstellen, und das sogar ohne die Anwesenheit meiner Übersetzerin. Das Papier von der Bank und die Steuererklärung würde ich eh ganz schnell kriegen.


So einfach war es dann aber nicht! Die Bank hatte noch eine Stunde offen. Aber eigentlich hatte sie nicht offen, denn wegen Corona werden maximal drei Personen gleichzeitig eingelassen. Netterweise hat die Bank zwei Sonnenschirme vor der Filiale aufgestellt, wo man zumindest ein bisschen vor der Hitze geschützt ist. Denn warten muss man lang. Und es wurde schon bald zwei Uhr, wo die Banken schließen. Da steckte eine Mitarbeiterin den Kopf zur Tür heraus, und ich konnte sie überzeugen, dass sie mich noch schnell einließ und mir den verlangten Wisch ausstellte. Dann noch rasch zur Steuerberaterin, bevor sie in die vierstündige Mittagspause geht. Die wollte aber meine österreichische Steuernummer von mir wissen, denn neuerdings kann sie eine griechische Steuererklärung nur machen, wenn sie auch die österreichische Nummer hat. Keine Ahnung, was meine Steuernummer in Österreich ist! Also schnell nach Hause und in Finanz Online nachgeschaut, wie sie lautet.



Am nächsten Tag: Ich hole die Steuererklärung ab. Sie ist für mich und den Besten aller Ehemänner, für den ich sie eigentlich nicht brauchte, aber irgendwie scheint das nicht anders zu gehen. Am besten nicht nachfragen, sonst wird alles viel zu kompliziert.
Wieder zur Polizei mit meinem Konvolut an Papieren. Der Beamte ist da. Das ist gut, denn es ist der letzte Tag vor seinem Urlaub, schließlich steht der 15. August vor der Tür, ein wichtiger Feiertag. Rund um diesen sind die meisten Griechen auf Urlaub. Wer dann einen Ausweis will, hat Pech gehabt. Zwei Wochen lang passiert gar nichts.
Nun hat der Beamte viel zu tun. Zunächst werden riesige Bücher hergenommen, in die die Daten händisch eingetragen werden. Danach noch alles in den Computer eingetippt. Meine Passdaten gibt er vier Mal ein. Ist das Programm so kompliziert oder macht er immer etwas falsch und beginnt von Neuem?
Dann werde ich noch an die Wand gestellt. Nein, zum Glück nicht erschossen. Nur ein Bild von mir wird geschossen. Wo ich ihm doch schon drei Passbilder mitgebracht habe! Gemacht wird das Bild mit einer Pocket Camera, die zuerst umständlich aus der Originalschachtel ausgepackt wird, danach werden die Batterien eingelegt, das Foto geschossen, die Batterien wieder herausgenommen (sie könnten sonst auslaufen), die Kamera wieder in Plastik und Karton verpackt.
Dann schickt er mich noch hinunter in das Papierfachgeschäft, wo ich ein paar Sachen kopieren lassen muss, denn Kopierer hat er keinen!
Zum Schluss bastelt er noch meinen Ausweis, tackert das Foto drauf, und Stempel und Unterschrift dürfen natürlich auch nicht fehlen. Das Gute ist, dass der Ausweis unbegrenzt gilt. Dann muss man den ganzen Zirkus nur einmal mitmachen. Und kosten tut er auch nichts. Insgesamt betrug mein Gesamtzeitaufwand sieben Stunden, aber jetzt habe ich den blöden Lappen endlich! Und interessanterweise konnte der gute Mann plötzlich etwas Englisch. Mit ein bisschen guten Willen geht ja doch einiges!

 


PS: Auch die Blue Card hat sich aufgeklärt! Auf der Seite der britischen Regierung fand ich die Info, dass man denselben Ausweis in Blau nach fünf Jahren beantragen kann. Dann ist man nicht nur Resident, sondern Permanent Resident!



Was ich in Österreich schön finde nach einem langen Griechenland-Aufenthalt:

  • Den Wasserdruck in der Dusche

  • Das Klopapier darf ins Klo geworfen werden 

  • Bei den Supermarktkassiererinnen geht was weiter

  • Das Eis schmeckt besser

  • Der österreichische Dialekt (Jetzt haumma den Scheißdreck beianaunda! Wos isn des fir a Glumpat?)

  • Österreichische Spezialitäten wie Eierschwammerl oder Marillenknödel

  •  Und natürlich, dass ich alle sehe, die mir schon abgegangen sind!





3 Kommentare:

  1. Danke Judith. Wieder ein toller Bericht und hat uns auch sehr zum Lachen gebracht - immer gut! und besonders in dieser Zeit. Man kann dies bei Deiner Darstellung auch so richtig mitverfolgen - der Amtsschimmel wie er am besten wiehert! Und dies noch in einer anderen - für mich zumindest, schwer zu lernenden Sprache. Ist aber auch wieder nett, daß man Dich so ohne weiteres Photos machen lässt - sehr kulant. Das sollte man mal hier oder in den Staaten auf einem Amt probieren und findet sich eventuell sehr schnell in Polizei Gewahrsam oder in den USA auch ''etwas mehr behindert.....''

    Endrick

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  2. Hallo Endrick! Die Fotos habe ich natürlich heimlich gemacht! :-))

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  3. Das ist treffend und amüsant geschrieben und erinnert mich sehr an meine eigene Odyssee. Ich freue mich auf Ihren Blog aufmerksam geworden zu sein und freue mich auf die anderen Beiträge. Vielen Dank!

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