Donnerstag, 23. April 2020

Hallo, da bin ich wieder einmal! Nachdem ich schon mehrmals gefragt werde und man in den Medien nur wenig über Griechenland hört, berichte ich euch über die Corona-Lage hier. Und zwar über die Massnahmen, was sich vor und zu Ostern abgespielt hat und wie die alten Leute damit umgehen.

Corona-Massnahmen in Griechenland

Die Massnahmen wurden schon relativ früh eingeführt. Begonnen hat es mit der Absage der Karnevalsumzüge und der Schulschließung, und das schon vor  Österreich. Danach kam die Ausgangssperre, die noch immer in Kraft ist. Das griechische Gesundheitssystem ist ja nicht gerade das beste. Das fällt einem schon ins Auge, wenn man nur jemanden in einem Krankenhaus besucht. Und ich selber hatte ja auch schon einmal das „Vergnügen“ eines Spitalsaufenthalts. Zum Glück nur einen Tag lang, dann wurde ich nach Österreich ausgeflogen.
Man versucht also, so wenig Corona-Kranke wie möglich in den Krankenhäusern zu haben. Offiziell hat das Land mit einer ähnlichen Einwohnerzahl wie Österreich auch gar nicht so viele Kranke und Infizierte. Und auch die Zahl der Todesfälle ist nicht so hoch. Ich gehe aber einmal davon aus, dass die Zahlen in Wirklichkeit höher sind. Wo doch sonst hier schon alles chaotisch abläuft, warum sollten sie ausgerechnet jetzt die korrekten Zahlen haben?
Da mein Griechisch sehr dürftig ist, beziehe ich meine Informationen hauptsächlich aus fremdsprachigen Medien im Land. Und was man halt so hört von Leuten, mit denen man telefoniert. Denn persönlichen Kontakt hat man üblicherweise nur beim wöchentlichen Einkauf im Supermarkt.
Was sind also die Regeln? Es herrscht ein Ausgangsverbot mit nur wenigen Ausnahmen, welche sind:
- Einkaufen gehen, falls es keinen Lieferdienst gibt
- Anderen Personen helfen, d.h. hauptsächlich ihnen Einkäufe bringen
- Arztbesuche
- Gassi gehen mit dem Hund oder Streunertiere füttern
- Bewegung
- Bankbesuch, falls unbedingt notwendig
- Begräbnisse, Hochzeiten, Taufen mit nur wenigen Personen
Außerdem dürfen nur maximal zwei Personen in einem Auto sitzen, und man darf es nur in der näheren Umgebung nutzen. Wie weit das genau geht, habe ich leider bis jetzt nicht herausgefunden.
Wer zur Arbeit muss, braucht dazu eine Bestätigung vom Arbeitgeber. Wer sonst hinaus will, muss ein SMS an eine gewisse Nummer schicken und dann auf die Genehmigung warten. Man darf aber auch einen handgeschriebenen Zettel mitführen, auf dem man angibt, wer man ist, wo man wohnt, wohin und wann man geht. Wer das und einen Ausweis nicht bei sich hat, kann mit € 150 bestraft werden. Ich habe hier im ländlichen Bereich aber noch keine Polizeikontrollen gesehen. In den Großstädten läuft das aber sicher ganz anders ab. Im Großen und Ganzen scheinen sich die Menschen aber an die Regelungen zu halten und heißen sie auch gut. Der griechische Premier hat ähnlich wie in Österreich sehr hohe Beliebtheitswerte. Und nicht zu vergessen der Covid 19-Experte, ein in Harvard und an der MIT ausgebildeter Virologe, der täglich um 18 Uhr im Fernsehen die aktuelle Lage erklärt.
Ich habe aber auch gelesen, dass es dem medizinischen Personal nicht erlaubt ist, sich öffentlich zu äußern, damit anscheinend die Missstände nicht zu sehr ins Rampenlicht kommen. Kürzlich hat sich allerdings das Personal eines Athener Krankenhauses erlaubt, einen stillen Protest vor dem Gebäude abzuhalten. Vor allem fehlt es an Personal und der notwendigen Ausstattung.
Angestellte, die derzeit nicht arbeiten können, bekommen € 800 monatlich vom Staat, die Unternehmen brauchen sie nicht zu bezahlen. Im Land gibt es aber auch eine Menge Tagelöhner, die in der Landwirtschaft oder am Bau arbeiten, die derzeit nichts verdienen. 

Was sich vor Ostern abgespielt hat

Die Hälfte der griechischen Bevölkerung lebt in den beiden Großstädten Athen und Thessaloniki. Aber jeder hat Familie irgendwo in einem Dorf auf dem Land oder auf einer Insel. Und da geht es dann normalerweise hin zu Ostern. Die Leute vom Land machen zu der Gelegenheit auch Brot, Käse und andere Speisen selber. Dieses Mal war es den Athenern aber nicht erlaubt, aufs Land zu fahren, damit sie das Virus nicht in Gegenden verbreiten, wo es mehr oder weniger keine Gesundheitsversorgung gibt, vor allen auf den Inseln. Wer in der Stadt gemeldet war, durfte nicht aufs Land. So haben sich die Städter schnell online umgemeldet. Aber das wurde ziemlich rasch abgestellt. Ein paar haben es aber doch geschafft. Wie kommen nun aber das Osterlamm und all die anderen guten Speisen zur Familie nach Athen? Mit dem Autobus natürlich! Denn hier kann man noch Waren mit dem Bus verschicken - habe ich auch schon gemacht. So fuhren Unmengen von Lammfleisch, Brot, Käse und sonstigem mit dem Bus nach Athen. Passagiere waren oft keine an Bord. An den Busbahnhöfen gab es dichtes Gedränge, die zwei Meter Mindestabstand wurden nicht eingehalten, jeder wollte seine Speisen abholen. Manche bekamen eine Strafe, weil sie gar nicht so weit bis zum Busbahnhof fahren dürfen hätten. Und manche Lämmer wurden nicht abgeholt, weil sich das die Empfänger aus besagten Gründen nicht getraut haben.

Corona-Ostern in Griechenland

Für die Griechen ist Ostern das wichtigste Fest im Jahr, verglichen mit Weihnachten bei uns. Was tun mit dem Osterfest, wenn keiner raus darf? Man geht nämlich normalerweise zur Kirche in die Mitternachtsmesse, danach isst man noch etwas, und am nächsten Tag in aller Frühe kommt schon das Lamm auf den Spieß. Dazu werden die ganze Familie und Freunde eingeladen. Ein äußerst geselliges Fest also.
Das Drama begann aber schon davor mit den Messen in den Kirchen. Die allmächtige griechisch-orthodoxe Kirche war von der Idee nicht begeistert, dass keine Leute in die Messe kommen sollten. Manche kirchlichen Würdenträger hier lassen immer wieder mit haarsträubenden Aussagen aufhorchen. So hatte kürzlich ein Bischof eine Eingebung von Jesus, dass der griechische Premier doch eine Schnellstraße zwischen zwei Städten auf dem Peloponnes bauen lassen sollte. Und natürlich gab es auch zum Virus spezielle Aussagen - nämlich, dass Personen, die glauben und beten, nicht krank werden. Deswegen könnten auch alle ruhig zur Messe gehen. Bis dann der konservative Premier ein Machtwort sprach und die Kirchen keine öffentlichen Messen mehr abhalten durften. Angeblich war er der erste, der der Kirche die Stirn geboten hat. Nicht einmal sein linker, fast schon kommunistischer Vorgänger Tsipras hatte es gewagt, gegen die Kirche aufzumucken.
Nachdem es den kirchlichen Würdenträgern klar geworden war, dass kein übliches Osterfest stattfinden würde, fasste man eine Verlegung ans Ende des Monats Juni ins Auge. Aber davon ist man anscheinend wieder abgekommen. Denn letztes Wochenende (das orthodoxe Ostern fand heuer eine Woche nach dem katholischen statt) fanden die Ostermessen hinter verschlossenen Kirchentüren statt und konnten, wie anderswo, nur im Fernsehen miterlebt werden.
Alles war verboten zu Ostern - am Karfreitag waren manche Friedhöfe gesperrt, keine Aufläufe vor der Kirche in der Osternacht, kein Böllerknallen (was hier Tradition ist), kein Grillen im Garten (das Lamm oder die Ziege mußte in der Küche in den Ofen) und natürlich keine Feste mit Besuchern. Außerdem wurde angedacht, dass es über die Feiertage ein Autofahrverbot geben sollte, welches dann aber nicht kam.
Ich war schon gespannt, ob die Griechen das alles aushalten würden. Kurz dachte ich, dass ich Besucher bei den Nachbarn gehört hätte, dann war es aber wieder sehr ruhig. Einmal zog der Geruch eines am Spieß gegrillten Lammes durchs Dorf. Und meine Freundin gestand mir, dass sie mit ihrer Familie zu Besuch bei ihrer Tante und deren Familie war. Im Großen und Ganzen scheint es mit der Isolation aber auch zu Ostern geklappt zu haben.

Die alten Leute und Corona

Auch in Griechenland sollen die alten Leute hauptsächlich zu Hause bleiben, aber hier im Dorf sehe ich sie alle in den Mini-Markt einkaufen gehen, niemand stellt ihnen die Einkäufe zu. Man kann aber natürlich auch die fliegenden Händler benutzen, die regelmäßig mit Obst, Gemüse und anderen Waren durch die Dörfer fahren. Und so sah ich, wie meine alten Nachbarn einen dieser Händler stoppten. Nach kurzer Zeit wurden aber die Stimmen der Nachbarn und des Händlers immer lauter und ich sah, dass es einen Streit über den Preis gab, und die Hälfte des Gemüses wurde wieder zurückgegeben. Die Preise sind hier übrigens teilweise schon enorm gestiegen, unter anderem, weil vieles nach Italien geliefert wird, wo die Lage ja viel schlimmer ist als in Griechenland.
Zu Monatsende gehen hier die Pensionisten alle auf die Bank und heben ihre Pensionen ab. Dabei geht es zu wie im Kaffeehaus. Die Bankfilialen sind vollgestopft, die Leuten freuen sich, wenn sie andere treffen und machen während der langen Wartezeit ein Pläuschchen miteinander. Perfekt für die Virenverteilung! Somit wurde verlautbart, dass kleinere Beträge am Bankomat abgehoben werden müßten und nicht alle am selben Tag kommen sollten. Die alten Leute hier haben aber bei jeder Krise Angst um ihr Geld und man kann es ihnen nicht verdenken. Und so stürmten sie die Banken wie immer. Der Tierarzt, den ich üblicherweise frequentiere, regte sich im Internet furchtbar darüber auf. Er hat unter anderem in Wien studiert, und seine Kundschaft sind großteils Ausländer (Griechen geben nicht gern Geld für einen Tierarzt aus). Das Echo war groß, die alten Leute wurden verteidigt, sie seien eben alt und kennen sich nicht aus mit dem Bankomat. Wieso das aber jeder 80jährige Ausländer könne, fragte er zurück. Tja, das sind dann wohl die kleinen Unterschiede zwischen den Ländern.
Ein 70jähriger Mann in Athen schwang sich trotz Ausgangssperre in den Bus und wollte zur Baustelle des neuen Stadiums seines Lieblings-Fußballclubs fahren, um den Baufortschritt zu sehen. Im Bus wurde er überprüft und bekam die übliche Strafe von € 150, weil er nicht dorthin fahren dürfen hätte und weil seine Ausgangsbescheinigung nicht korrekt war. Er meinte, das hätte seine Frau falsch ausgefüllt (immer gut, wenn ein anderer Schuld ist). Außerdem hätte er keine € 150. Die Geschichte wurde publik, und die Öffentlichkeit spendete Geld, damit er seine Strafe bezahlen konnte. Das kam auch dem Fußballclub zu Ohren, welcher dann die Strafe letztendlich bezahlte und ihm noch dazu einen Gratis-Pass für alle Speile der nächsten Saison schenkte. Wenn man alt ist, hat man Narrenfreiheit, scheint es. Zumindest hatte er das Mitgefühl der Bevölkerung.

Und wenn ich mich richtig erinnere, habe ich gelesen, dass die Strafen pünktlich bezahlt werden müssen im Gegensatz zu anderen Zahlungen, die derzeit gestundet werden oder wo man einen Rabatt bekommt, wenn man pünktlich zahlt (Steuern zum Beispiel). Nicht bezahlte Corona-Strafen gelten als Steuerschuld. Wer zu viele Steuerschulden hat, der kann wie überall Schwierigkeiten bekommen. Nur hier sind sie etwas anderer Natur. So kann einem das Konto eingefroren werden oder man kann nicht in seinen Banksafe. Oder man kann zum Beispiel sein Haus nicht verkaufen, solange man Steuerschulden hat.